Aus Neu-Wedelern werden Rist-Fans: Basketball ist für Flüchtlinge "wie Therapie"

Aus Neu-Wedelern werden Rist-Fans: Basketball ist für Flüchtlinge „wie Therapie“

Sonntagnacht, irgendwann zwischen halb Eins und Eins waren sie wieder in Wedel – müde und voller neuer Eindrücke. Der Rist-Fantross hatte sich nach Quakenbrück zum Auswärtsspiel bei den Artland Dragons aufgemacht, auch 13 in Wedel wohnende Flüchtlinge waren dabei. „Wir haben einen superschönen Tag erlebt“, sagt Hüseyin Inak vom Diakonieverein Migration, der die Syrer betreut und mit nach Quakenbrück gereist war.

Gekleidet in gelbe T-Shirts mit grünem Rist-Schriftzug, die unser Ausrüster Forthree 43 Basketball dankenswerterweise zur Verfügung stellte, ausgestattet mit Trommeln und kräftigen Stimmen machten sich die Wedeler Fans in der mit 1985 Zuschauern gut gefüllten Halle lautstark bemerkbar und feuerten die Rister unermüdlich an – einzig das Ergebnis des Spiels sorgte für einen Wermutstropfen. Die Stadtsparkasse Wedel übernahm die Spritkosten der Fanfahrt, und die Quakenbrücker Gastgeber gewährten den Flüchtlingen freien Eintritt: Auch dafür ein herzliches Dankeschön!

Dass die Reise ins Artland führte, war kein Zufall. Zu Beginn der vergangenen Saison war eine Gruppe von Flüchtlingen der Einladung des SC Rist gefolgt und hatte sich das Heimspiel gegen Quakenbrück angeschaut. Der Besuch beim Basketball hinterließ bleibenden Eindruck. „Wir saßen damals hinter der Artländer Fangruppe, und wir haben an dem Tag sehr unglücklich verloren. Vor uns haben die Dragons-Fans ‚Auswärtssieg, Auswärtssieg!‘ gesungen“, erzählt Hüseyin Inak. Die lautstarke Anfeuerung der Quakenbrücker Anhänger in der Steinberghalle wurde zur Inspiration, nicht nur bei Heimspielen mitzufiebern, sondern vielleicht eines Tages auch mal auswärts dabei zu sein. Und bei diesem Ausgangspunkt konnte die erste Reise natürlich nur ins Artland gehen. Nur aus dem Plan, selbst den Schlachtruf „Auswärtssieg, Auswärtssieg!“ anzustimmen, wurde dieses Mal noch nichts.

„Dieses Projekt ist stetig gewachsen. Wir sind alle zwei Wochen in der Steinberghalle gewesen und haben langsam angefangen, die Mannschaft zu unterstützen. Und dann hat es sich nach und nach gesteigert“, erinnert sich Inak. Im Willkommenscafé bekamen die Flüchtlinge zudem Besuch von Ristern – diese Kontakte seien zwecks Integration und gegenseitigem Verständnis von großer Bedeutung, meint er: „Für mich ist wichtig, dass die Neuankommenden Wedeler werden und dass ihnen ein Wedeler Verein am Herzen liegt.“

Die Heimspiele in der Steinberghalle sind für die Flüchtlinge zu festen Terminen geworden – und haben große Bedeutung: „Für sie ist es eine Therapie, das muss man im wahrsten Sinne des Wortes sagen“, so der Flüchtlingsbetreuer. „Bei den Heimspielen haben sie die Möglichkeit, gute zwei Stunden richtig abzuschalten: Alle Probleme beiseitepacken und Konzentration auf das Spiel!“, erläutert Inak. Da werden Anfeuerungsrufe und rhythmische Schläge auf die Trommeln auch zum Ventil, um Dampf abzulassen. „Mittlerweile sind sie echte Fans geworden, ihr Herz schlägt für den SC Rist“, sagt er und ergänzt: „Es ist auch wichtig, dass das Signal gesendet wird: Hier sind Menschen dabei, die gerne mit anpacken. Das ist auch eine Ebene, die nicht vergessen werden darf“, meint Hüseyin Inak. Seine Hoffnung für den Integrationsverlauf der syrischen Rist-Anhänger formuliert er so: „Aus den Neu-Bürgern werden Fans und aus den Fans werden Wedeler Bürger.“ Dafür arbeitet Inak jeden Tag. Das nächste Heimspiel gegen Recklinghausen ist längst fest im Kalender verbucht: „Wir werden in den neuen gelben T-Shirts natürlich auch am Sonntag in der Steinberghalle präsent sein“, sagt er. Die Rister freuen sich drauf.